PERSÖNLICHKEIT – EIN TAUGLICHES KONZEPT FÜR EINE GESELLSCHAFT IM WANDEL?
ABSTRACT zum Vortrag von THOMAS A. BAUER, UNIVERSITÄT WIEN, ECO-C SYMPOSIUM BRATISLAVA 9.10.09
Persönlichkeit ist ein Beobachtungsbegriff, ein normatives Kulturmodell, festgebunden an eine Interpretation von Kultur, die den alltäglichen Gebrauch von (sozialen, kommunikativen, ästhetischen) Werten zum Ordnungsmuster gesellschaftlicher Orientierung macht: Persönlichkeit ist ein Konzept, das Menschen darstellt.
Persönlichkeiten sind(daher) Menschen, die ein (gesellschaftlich normnatives) Konzept darstellen.
Weil Kommunikation die Ressource für Differenz und Diversität ist, ist sie der soziale Rahmen und zugleich die kulturelle Bedingung für jedwede (interkulturelle) Verständigung. Dies ist auch er Zusammenhang, aus dem sich erklärt, warum Persönlichkeiten zunächst in erster Linie durch ihre Kommunikationsmuster als solche deklarieren und warum man sie durch ihr Kommunikationsverhalten misst und wertet.
Betrachtet man das Konzept von Persönlichkeit in einem kulturtheoretischen Ambiente, dann kann man Persönlichkeit nicht (wie dies vor allem die individualtheoretische Konzeption tut) als ein in sich geschlossenes und hermetisch operierendes Gebilde deuten. In diesem Deutungskontext ist Persönlichkeit ein Deutungsmodell der Gesellschaft für den kommunikativen Auftritt von Menschen unter der Bedingung spezifischer normativer Erwartungen des Milieus, in dem sie ihre Rolle spielen. Persönlichkeit ist also ein Kulturmodell, mit dem Menschen sich individuell sowohl eigen wie anders stellen können, mit dem sie ihre Rolle – wissend um die Erwartungen des Milieus – ausgestalten, um so ihre eigenwillige Darstellung aus einem Reservoir diverser und variabler Stile zu behaupten.
Es liegt (dann) an der Resonanz des Milieus eine in diesem auffälligen Maße eigenwillige und zugleich anderswillige (aus dem Durchschnitt gehobene) Formation von habitueller Selbstdarstellung als ein inspiratives Programm des persönlichen Lebensvollzugs zu werten und dies in ihren Reaktionen und Interaktionen zu konnotieren. Weil Persönlichkeit also ein Kulturmodell ist, ist es ein Modell von Kommunikation, mit dem Menschen in Verbindung zu (allgemein relevanten) Themen auf sich aufmerksam machen bzw. auf das Menschen in Verbindung zu für sie wichtigen Themen aufmerksam werden.
Der Maßstab ist die normative Kategorie der (sozialen, kommunikativen) Kompetenz, mit der Individuen einerseits ihre Alltagsrolle auslegen, die ihnen aber andererseits auch zugeschrieben (konzediert) wird. Erst so ist Persönlichkeit ein gesellschaftlich lose arrangiertes und an den Leitbildern spezifischer Communities (Milieus) orientiertes und unter diesen koorientiertes Konzessionsmodell, das so „ausgezeichnete“ Menschen moralisch dazu berechtigt auch von anderen jene Haltungen einzumahnen, die ihnen zugeschrieben werden.
Die kulturtheoretische Perspektive weiß sich einer emanzipatorischen Beschreibung von Persönlichkeit verpflichtet. Sie gibt in der Beschreibung von Persönlichkeit den Blick frei auf Differenzierung und Veränderung, weiß, dass Persönlichkeit nicht eine produktive Eigenschaft eines Individuums ist, sondern eine Verständigungsgröße der Selbst- und Fremdbeobachtung, eingebettet in den Prozess der kulturellen Erörterung der gesellschaftlichen Vorfindlichkeit.
Persönlichkeit ist nicht eine Pragmatisierung auf eine bestimmte Performance, die, wenn man deren Grammatik einhält und beherrscht, man (für sich) reklamieren kann, sondern ein Kulturmodell, das die Kommunikation (Wahrnehmung, Erfahrung, Interpretation) zwischen der Person und ihrer Umwelt und die anderer Personen in der Eigenperson-Umwelt über und zu Personen ermöglicht. Sie ist eine gesellschaftlich akkordierte Größe für soziale Einschätzung und sozialen Vergleich.
Vgl. Bauer, Thomas A., (2009): Die journalistische Persönlichkeit – Potenziale und Grenzen eines normativen Konzepts. In: Duchkowitsch, Wolfgang u.a. (Hg.): Journalistische Persönlichkeit. Fall und Aufstieg eines Phänomens. Köln. 67 – 93

Leave a Comment