Meine Poesie ist einfach, unterscheidet zwischen Spruch und Sprache und nimmt beides als Säulen der Gedankenarchitektur. Sie klopft Sprüche – gegen Widersprüche und macht wieder Sprüche sprachlos. So, hoffe ich, wird die Sprache (wieder) spruchreif.
Meine Dichtung ist basal, sie lässt die Sprache sprechen und denkt sich Zeile für Zeile und Linie gegen Linie weiter. Sie überrascht mitunter mit der Unterbrechung des laufenden Gedankens von einer Zeile zur nächsten, obwohl die Sprache dabei nicht aus der Spruchspur fällt. Wenn es so ist, dann ist es der Eigensinn der Sprache den Widerspruch im unbedachten Spruch zu offenbaren. Die Sprache gibt vor und sie gibt nach. Sie macht den Spruch widersinnig und den Sinn widersprüchlich. Sie bricht den Sinn von einer Zeile zur nächsten, sie bricht den Gedanken von einer Erkenntnis zur nächsten, sie bricht das Argument von einer Behauptung zur nächsten Frage. Jede Zeile macht ihre eigene Aussage und behauptet sich im Rasten auch gegen den Text.
Meine Dichtung ist nichts anderes als Sprachverdichtung. Über diesen Weg verdichten sich Gedanken und Aussagen, werden mehrdeutig und gewinnen an Komplexität dank der Entlastung von Dekoration. So wie die Sätze die Zeile unterbrechen, so unterbricht die Zeile den sonst im Spruch vorgezeichneten Lauf. Die Unterbrechung ist Ausstieg und Überstieg in die Reflexion und der Schritt von einer Beobachtungsebene in eine andere. Beobachtungen brauchen solche Brüche, um sich selbst beim Beobachten beobachten zu können.
Sprachbrüche sind Brüche im Duktus, die eben eine solche Zweitbeobachtung ermöglichen oder nahelegen. Daher beschäftigt mich das Bruch-Thema. Bruch ist eine Beschreibungsmetapher, in der das Verhältnis von Teilen zum Ganzen gedacht und experimentiert wird. Brechen ist der Vorgang etwas zu teilen, verlässt sich auf die Teilbarkeit von als Ganzes Gedachtem. Unter-Brechung kann daher auch als ein Blick verstanden werden, durch den ein Ganzes durch die Wahrnehmung seiner (möglicherweise dialektischen) Teilaspekte (Spruch –Widerspruch) erst zu einem solchen gefügt wird.
Dichten macht eine solche Gleichung sprachlich möglich, es macht das beiläufige Denken zum Gedachten und das Sprechen zum Ort des Ausgesprochenen. Dichten ist die Beobachtung der Beobachtung des Denkens, dessentwegen man dachte also zu sein. Dichten schließt kurz und unterbricht die Logik auf seine Weise. Sie macht die Pause zum Programm und outet das tägliche Programm als Füller. Dichten bricht den Sinn um.
Solche Sinnumbrüche unterbrechen und unterlaufen den sich verselbständigenden Lauf der Dinge und die im Ruder laufenden Routinen. Dennoch sind solche Unterbrechungen sanft, wollen nicht moralisch und nicht missionarisch sein, nicht wach rütteln, sondern wach halten.
Thomas A. Bauer: bruch-texte nach 2003
Texte 2010 Ausbrechen aus Einbrüchen
Texte 2009 Bruch Stellen
VON WEGEN
WIDER ALLE LOGIK
IN WEISER VORAUSSICHT
PARADOXE GEWICHTUNG
TAG UND NACHT
EINE BUCHGESCHICHTE
HUTABLAGE
AM GELÄCHTER
ALLES WAS RECHT IST
BESSERE ZEITEN
BIN SEIN
ES KOMMT
WEM GEHÖRT DER MENSCH
Texte 2008 Unter Brechung
ACH GOTT
DENKEN OHNE GRENZEN
HEILT ALLE WUNDEN
NICHT WEIT VOM STAMM
NOTHING IS POSSIBLE
OH MY GOD
STIMMT DAS
TEATRO FENICE
UNTER BRECHUNG
WARTEN AUF GODOT
WAS MAN SO GLAUBT
WAS SICH SO GEHÖRT
Texte 2007 Bruch Stücke
AM ENDE IST DER ANFANG
AM ENDE VOR DEM ANFANG
DANN UND ALSO
DIEEWIGERLEIER
ENIGMA
ERINNERN UND FINDEN
FREMDE BEGEGNUNG
MEIN LAUTSATZ
VERKEHRSNACHRICHT 07
WIE ES LIEGT UND STEHT
WIE SPÄT IST ES
WIE SPRECHE ICH MICH
Texte 2006 Wort Brüche
GEH HEIM
IN FLIESSENDER BEWEGUNG
INNENERKUNDUNG
TU ES JETZT
WORT BRUCH
Texte 2005 Im Bruch
BRICH MIT MIR
NACHTBLIND
SCHWEIGEN IM WALD
SPRICH WÖRTLICH
SPUREN SPÜREN
THOMAS 60
Texte 2004 Bruch Rechnung
GEDANKEN SIND FREI
MICH ERZÄHLEN
Texte 2003 Bruch Teile







