Österreichische Arge Suchtvorbeugung – Tagung 12. 10.09, ABSTRACT zum Vortrag:
Medienwelten – Landschaften des Erlebens, Erinnerns und Vergessens. Anmerkungen zur medialen Topologie des Menschlichen.
Der Begriff der Online-Sucht ist irreführend, obwohl – oder gerade weil recht praktisch. Er unterstützt die Versuchung, das Suchtproblem auf Objekte und Individuen abzuwälzen. Die Pathologie aber begründet sich nicht im Verhältnis von Süchtigen zu ihren Objekten, sondern in der gesellschaftlichen Konvention der Zuordnung (Attribution) von Deutungen und Wertungen. Die Pathologie ist nicht nur individuell und nicht nur gesellschaftlich. Sie ist individuell, weil gesellschaftlich. Die Medialität von Sucht wirft ein neues scharfes Licht auf die kultur- und gesellschaftstypische Konstruktion des Suchtkonzepts. Ein kulturtheoretischer Blick deckt die übliche Verteilung von Problem und Lösung als gesellschaftlichen Täuschungsvertrag auf. Das verlangt nach einem Perspektivenwechsel im Verständnis von Pathologien und in der Konzeption von Therapien.
1. Medien-Medialität
Es sind nicht „die Medien“, die irgendetwas bewirken, es ist vielmehr der Wandel der symbolischen Umwelt (Medialität) und der Beziehungen (Mediatisierung, Vernetzung), der den sozialen, kulturellen und kommunikativen Anschluss an die Welt (Gesellschaft) unter neue Bedingungen und den Menschen vor neue Horizonte der Bestimmung von Sinn, Sein und Schein stellt. Was ein Medium ist, was es tut und was es kann, lässt sich im Kontext des Wissens um die Konstruktion von Wirklichkeit nur als Modalität (als Modell von Kommunikation) beschreiben. Die Technik ist bestenfalls das Dispositiv, aber immerhin dieses. Es ist nicht die Struktur, die diese Vermittlung von Welt (Erlebnis, Sucht, Flucht) erwirkt (wenn man schon den Wirkvorgang als das zentrale Moment betrachten möchte), sondern es ist die mit dem produktiven wie auch konsumtiven Gebrauch insinuierte, konnotierte und akzeptierte Konstruktion einer mittelbaren und vermittelt teilbaren Wirklichkeit, auf die sich die Menschen einlassen und auf die sie sich (und ihre Beziehung) verständigen. Der Gebrauch von Medien ist als soziales (weil Konnektivität schaffendes) und kulturelles (weil Bedeutung stiftendes) Handeln, als der eigentliche Vermittlungsvorgang aufzufassen. Es ist also im Blick einer sozialtheoretischen Betrachtung das individuelle wie kollektive (alltägliche) Handeln, das einen Zusammenhang (Handeln, Prozess, Technik) zum Medium macht, in dem auch eine technische Infrastruktur genutzt wird – und nicht die technische oder organisatorische Infrastruktur, die einen spezifischen Gebrauch provozieren (bewirken) oder spezifische Prozesse in Gang setzen würde.
2. Flucht und Sucht
Die Einordnung von Flucht und Sucht (Realitätsflucht und Onlinesucht) als pathologische Phänomene ist eine Frage bzw. eine Folge der Phänomeno-Logie. Betrachtet man dies mit der naturwissenschaftlichen Logik (Rationalität) von Ursache und Wirkung, dann liegt es nahe, einen Zustand, den man im Vergleich zur Mehrheitsordnung als störend empfindet, als Symptom / Wirkung gestörter Ursachen zu verstehen, was eine ätiologische (schuld-theoretische) Konzeption von Krankheitsbildern (Sucht-Syndromatik) und eine Maschinerie der theoretischen Sucht-Beherrschung (Ordnung stiften) in Gang setzt: kommunikatives Begehren wird gemessen an den Ritualen kommunikativen Handelns Eine kulturtheoretische und anthropologische Betrachtung sieht den Grund der (gesellschaftlichen) Aufregung (über mediale Devianz) in der Wirkung: Irrende Menschen erkennt man an ihren Abweichmustern. Menschen aber irren in abwesenden Welten (Flucht), wenn und weil sie in den anwesenden Welten nicht jene Resonanz finden, die sie brauchen, um sich bestimmen und sicher zu orten. Medialität ist gesellschaftliche Anwesenheit mit der Möglichkeit von Fenstern der Abwesenheit und Andersheit. Das ist, weil es da auch um die Frage von Kontingenz geht, zugleich ein Faktor gesellschaftlicher Irritation (nicht notwendig, aber auch nicht unmöglich) wie individueller Panik (unmöglich, obwohl notwendig). Wenn Kommunikation der Modus ist, mit dem der Mensch das Wissen um die Bestimmtheit seiner (philosophisch vor-läufigen) Unbestimmtheit in den Rahmen sozial vermittelter Bestimmtheit (Bestimmung) lösen möchte, dann ist es die gesellschaftliche Kommunikation (Suchen und Finden / Sucht und Beruhigung) zwischen den (subjektiv betroffenen) Individuen und der (beteiligten) Gesellschaft. Subjektives Leid geschieht immer unter der Beteiligung der Gesellschaft.
3. Zuschauen und Wiederholen
Mediale Kommunikation betont und exponiert einen Faktor, der in jeder Kommunikation enthalten, aber in der alltäglichen sozialen Praxis als Faktor, der Umstände schafft, oft ausgeblendet wird: Sich und dem Anderen zuschauen und wiederholen, wovon man möchte, dass es (so) bleibt: die Sucht nach dem (schon) Gewohnten. Das braucht Zeit (qunatitatives Zeitmodell) und Beziehung (qualitatives Zeitmodell). Insofern die kommunikative Aufmerksamkeit in einer Mediengesellschaft zur Kultur medialer Aufmerksamkeit wird, werden mediale Techniken der Schematisierung, Standardisierung, Trivialisierung und der Wiederholung zu praktischen Optionen von Virtulaisierung, Fiktion und Fantasie.
4. Erinnern und Vergessen
Das mediale Gedächtnis abeitet anders als das kulturelle Gedächtnis. Das kulturelle Gedächtnis ist die Instanz der Kontrolle der im Laufe des Kulturprogramms eingeübten Unterscheidungen. Das mediale Gedächtnis ist die Instanz der Veränderung, der moraliscnen (weil oft notwendigen) und der unmoralischen (weil oft unnötigen, aber möglichen) Unterbrechung von Alltagsroutinen der Kommunikation. Medien sidn in diesem Sinne ebenso Dispositve der Erinnerung wie des Vergessens (Selbsterinerung, Selbstvergessenheit).
5. Medialität – Individualität – Virtualität
Die Perspektive von Mediatisierung und Medialisierung der Kommunikation der Gesellschaft erweitert die These, dass die Gesellschaft ist, was ihre Kommunikation ist, auf: die Gesellschaft ist, was ihre Medien sind. Während der Begriff der Mediatisierung den diskursiven Modus der Selbstorganisation von Gesellschaft und Individuum beschreibt und vor allem auf die Formen (Formate) der Verteilung von Gesellschaftlichkeit im Auge hat, kennzeichnet das Konzept der Medialisierung die in Medienumgebungen sich ändernde Programmatik von Kommunikation als Fluidum von Identität und Soziabilität. Mediatisierung und Medialisierung, so nun sowohl als Modus wie als Programm der Mediengesellschaft (des Medienmodells von Gesellschaft) beschrieben, begründen eine neue Perspektive in der Analyse und in der Konzeption von sozialem Wandel: die Perspektive von Medialität. Die medialen Modelle von Identität sind ebenso ambivalent: einerseits erweitern sie den Spielraum von Identität bis jenseits sozial verträglicher Grenzen, andererseitsengen sie die Varietät und Diversität auf durch die technologische Ästhetik gegebenen Schemata. So erweitern sie auch den Spielraum von Individualität und doch wird dieser abgezirkelt durch mediale Schemata and Modelle. So verliert Identität an Authentizität, Individualität an Autonomiet und Virtualität an Kreativität. Es braucht ein Kompetenzprogramm im Umgang mit medialisierten Modellen des alltäglichen Begehrens.
6. Glück und Erfolg
Das Präventionsprogramm heisst: Medienkompetenz. Die reale Gesellschaft hat klare, organisatonstypische Vorstellungen vom erfolgreichen Lebensvollzug: Vor-Sorgen. In diesem Interesse setzt sie auf Kompetenz als der Fähigkeit, Zuständigkeit und Verantwortung des Einzelnen sich gegenüber den Herausforderungen des Lebens im Sinne sozialer Kompatibilität und kultureller Einordnng zu behaupten. Kompetenz wird zur Glücksmetapher, in der Mediengesellschaft Medienkompetenz zur Erfolgsmetapher: Wer die Welt verstehen möchte, muss die Medien verstehen. Das heißt aber dann auch: Wer die Welt nicht verstehen kann (mag), verweigert den Rationalismen des (kompetenten = veantworteten) Mediengebruch und überlässt sich der Bestimmung (Rationalität) von Mediaitaisierung (virtuelle soziale Vernetzung) und Medialität (Beliebigkeit und Häresie). Glücksdruck und Erfolgsdruck finden ihre (Er)Lösung im Vegessen von Anwesenehit (Zeit, Raum, Thema). Der Kompetenzbegriff ist normativ und ambivalent, anthropologisch, psychologisch und pädagogisch jeweils unterschiedlich ausgelegt, birgt er in sich das Wissensmodell von Autonomie und Emanziaption aber auch das Machtmodell von Herrschfat (Beherrschung) und Unterwerfung (Selbstverzicht). Die Tatsache, dass nichts in dieser (sozialen, politischen, kulturellen) und symbolishen Welt medienfrei ist, verlangt nach einem theoretischen und praktischen Medialitätskonzept in der therapeutischen Abeit.

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